Ursus arctos in Europa:
Braunbären sind die größten Landraubtiere in Europa. Sie sind nicht nur unglaublich anpassungsfähig, sondern auch sehr plastisch bezüglich Größe und Ernährung. Besonders in den wärmeren Gebieten, wie Spanien oder Italien, gibt es Bärenexemplare, die nur 60 bis 80 kg wiegen. In den Karpaten jedoch beobachtet man im Extremfall auch Individuen mit über 350 bis 400 kg. Diese Körpermaße kennt man vor allen Dingen kurz vor dem Beginn des Winterschlafes, der eine große Besonderheit im Leben der Tiere ist, wenn wir Bären mit den anderen beiden Großraubtieren Wolf und Luchs vergleichen, die ja auch im Winter aktiv bleiben. Europäische Braunbären können ganz klassisch mit braunem Fell vorkommen, aber es gibt auch fast ganz schwarze und sehr helle Schattierungen, die bis in einen Vanilleton hineingehen können.
Bären sind Allesfresser und können somit eine Vielzahl an Futterstoffen nutzen. Der Anteil an fleischlicher Nahrung ist individueller als gedacht und es gibt Individuen, die eher auf Insekten oder Aas als Proteinquelle zurückgreifen. Allerdings finden wir auch Artgenossen, die mitunter sehr erfolgreich Jagd auf Säugetiere machen, was oft beim Bären gar nicht vermutet wird. Der Metabolismus des Bären ändert sich über das Jahr hinweg und steht in einem feinen Zusammenspiel mit der Verfügbarkeit verschiedener Futterelemente in der Umwelt. Kurz nach dem Aufwachen aus dem Winterschlaf ernährt sich der Bär eher unterkalorisch, was praktisch ist, da er auch in der Natur hauptsächlich Gräser und Kräuter finden kann, die ihm offenbar auch helfen, die Verdauung nach der langen Fastenperiode wieder anzukurbeln. Falls verfügbar, suchen Bären nach Fallwild des vorangegangenen Winters, die eine leichte Proteinquelle darstellen. Mit der Verfügbarkeit von jungem Schalenwild können sich einzelne Bären vorübergehend sehr fleischlastig ernähren, was aber mit zunehmender Größe und dadurch resultierender Wehrhaftigkeit der Huftiere schwieriger wird. Ab den Sommermonaten ernähren sich Bären meist angemessen zu ihrem Grundmetabolismus. In der Natur können sie zuckerhaltige Früchte und Insekten in hoher Zahl finden. Somit sinkt auch bei prädatorischen Bären der Anteil an Säugetieren in der Ernährung, da das Protein mit Wespen, Ameisen, Motten und gelegentlich auch Käfern substituiert wird. Zu Ende des Sommers und im Herbst gilt für die Bären, dass sie so kalorienreich wie möglich fressen sollten, da sie die kalten Wintertage normalerweise in einer Winterruhe überschlafen und somit eine um die 15 – 20cm dicke Fettschicht benötigen. Also greifen sie auf alles Verfügbare zurück, was sich nur finden lässt: zuckerhaltiges Steinobst, fetthaltige Samen und Nüsse, aber auch wieder vermehrt Fleisch von Säugetieren. Fehlen kalorien- und insbesondere fetthaltige Nahrungsmittel, sind die entsprechenden Gebiete kein gutes Bärenhabitat. Für den Winterschlaf suchen sich die Tiere entweder bereits vorhandene Höhlen in Felsengebieten oder werden selbst kreativ, indem sie sich Höhlen in den Hang hineinbuddeln oder aber in Schonungen die jungen Bäume so geschickt umknicken, dass sie sich ein dichtes Zelt schaffen. Fällt dann der Schnee auf das Dach, dann kreiert sich automatisch ein Iglo.
Soweit die Theorie: Bären in Kulturlandschaften können mitunter auch zu großen Schädlingen mutieren, da ihnen die frei verfügbaren Obstplantagen, Weinstöcke und Getreidefelder, aber auch Weidetiere und Abfall sehr viel Futter anbieten, ohne das so eine Situation von uns Menschen geplant war. Der Bär ist zwar das größte Raubtier, aber paradoxerweise auch das empfindlichste Tier im Zusammenleben mit uns Menschen in unseren Kulturlandschaften. Haben Bären einmal verstanden, dass sie in unserer Nähe bezüglich ihrer Ernährung sehr gut auf ihre Kosten kommen, werden sie zu ungeliebten Problemtieren, oft auch sehr sichtbar, die man dann im Zuge eines Managements meist entfernen muss. Einen Schritt weiter gehen dann Tiere, die sich gar in den Dörfern, in unseren Geschäften oder an den Abfalltonnen bedienen – das sind Verhaltensweisen, die zum großen Teil nicht mehr umkehrbar sind. Somit wird dem Bären seine eigene Intelligenz und Anpassungsfähigkeit zum Verhängnis, obwohl er gerade dadurch so viele verschiedene Gebiete und Habitate erfolgreich besiedeln konnte.
Die nächste Herausforderung für die Tiere sind die veränderten Klimabedingungen, weshalb sich der Winterschlaf oft verkürzt und manchmal sogar komplett ausfällt. Offenbar kommt es bei den Bären, die den Winterschlaf auslassen, zu einer beschleunigten Zellalterung, deren Effekte man noch nicht absehen kann. Zusätzlich fällt der Winter dann als Selektionsfaktor aus, was dazu führt, dass die Jungtiere besser durchkommen und sich somit das Populationswachstum erhöht. Das ist insbesondere in Kulturlandschaften in der Kombination mit der Verfügbarkeit von hochkalorischem Futter eine Herausforderung, da dann die Bärenpopulation viel schneller wächst, als in Gebieten ohne menschliche Aktivität.
Bären sind Einzelgänger und nicht territorial. Oft leben Bären auf großem Fuß und brauchen Gebiete von 80 bis gar mehreren Hundert km2. Dennoch überlappen sich ihre Streifgebiete, auch wenn sich die einzelnen Tiere meistens aus dem Weg gehen. Ausnahmen hierzu sind die Paarungszeit zwischen Ende April und Juli, während derer die Bären versuchen, einen Partner zu finden, mit welchen sie dann wenige Tage bis einige Wochen zusammen sind. Die Entwicklung des Embryos wird zuerst gestoppt und geht erst dann im Herbst wieder weiter, wenn die Bärinnen genug Futter zur Verfügung haben, um nicht nur sich, sondern auch ihren wachsenden Nachwuchs zu ernähren. Normalerweise kommen die jungen Bären während der Winterschlafphase ihrer Mutter zur Welt. Sie sind ganz klein, hilflos und haben keine Thermoregulation. Deshalb ist es eigentlich gut, dass sich die Bärenfamilie die ersten Wochen geschützt in einer Höhle befindet. Ab März oder April, in Abhängigkeit von den Temperaturen, erkunden dann die jungen Bären langsam ihre Umgebung und gehen dann auch mit ihrer Mutter in die weite Welt hinaus. Die Familienbande zerbricht meist schon im darauffolgenden Jahr, wenn die Bärenmutter wieder aktiv nach den Spuren eines Männchens sucht. Der Geruch eines Männchens löst bei den Jungtieren umgehend einen Fluchtmechanismus aus, da es bei den Bären den sogenannten Infantizid gibt, die vorsätzliche Tötung von Jungtieren mit dem Ziel, sich mit dem entsprechenden Weibchen zu verpaaren. Deshalb kommen die meisten Infantizidfälle auch während der Paarungszeit vor, wobei die jungen Bären nur in Ausnahmefällen konsumiert werden; höchstwahrscheinlich aufgrund des erhöhten Stresslevels bei den ausführenden Männchen und nicht aufgrund von Nahrungsbeschaffung. Bärenweibchen haben jedoch auch eine Gegenstrategie entwickelt: sie verpaaren sich pro Saison oft mit mehreren Männchen, um ihre Jungtiere im nächsten Jahr zu schützen. Interessanterweise töten Bärenmännchen nur Jungtiere von denjenigen Weibchen, mit denen sie sich ein Jahr davor nicht verpaart haben. Erneut sehen wir, wie intelligent die großen Tiere sind und wie viele Dinge es noch zu erforschen gäbe.
Bären sind die störungsanfälligsten Tiere und haben somit in Gebieten mit hoher menschlicher Dichte keine guten Bedingungen. Das gleiche gilt für stark befahrene Straßen: Bären sind Vermeider und trauen sich ab ca. 7.000 – 8.000 Vehikeln / 24 Stunden überhaupt nicht mehr, Straßen überhaupt zu überqueren.
usnahmen bestätigen hier leider nur die Regel. So ein Verhalten kann allerdings sehr schwere Auswirkungen haben, wenn sich ihre Streifgebiete verkleinern und sie sich nicht mehr genetisch austauschen können. Wahrscheinlich sind die meisten Gebiete im deutschsprachigen Raum nicht mehr wirklich geeignet für die Bären, aber Gott sei Dank haben sie in Europa noch einige Rückzugsgebiete, in denen es sich lohnen würde, genauer hinzuschauen. Gerade dort geht der Habitatverlust rapide voran und es wäre sehr wichtig, diese wertvollen Bärengebiete, in denen auch viele andere Wildtiere beheimatet sind, besser zu schützen.
Wir danken Frau Dr. Michaela Skuban recht herzlich für die Gestaltung dieses Beitrages.
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